Freiwillige Selbstbeschränkung


Heute geht es mal weniger um Whisky und Vinyl sondern um Whisky und Hifi im allgemeinen.

In der letzten Zeit musste ich im Bekanntenkreis die ein oder andere Frage bzgl. Whisky und Vinyl beantworten. Zum einen wollten die Whisky-Trinker wissen, was ein guter Einstiegsdreher / eine gute Einstiegsanlage wäre und womit ich selber Musik höre. Zum anderen wollte die Vinyl- / HiFi-Fraktion den ein oder anderen Whisky-Tipp für den Einstieg - ausgerechnet von mir, der selbst noch Anfänger ist.

1. Welcher Plattenspieler für den Anfang

Ähnlich wie beim Whisky stellt sich hier die Frage "alt oder jung?" Vor nicht einmal zwei Jahren hätte ich ohne zu zögern "alt" geantwortet. Inzwischen sind die Preise für vernünftige, alte Dual-, Thorens oder Micro-Seiki-Plattenspieler aber dermaßen angezogen, dass sich ein Blick auf neue (gebrauchte) Einstiegsdreher durchaus lohnen kann.


Schaut man man bei den üblichen Verdächtigen von Pro-Ject, Rega und neuerdings Audio-Technika, beginnt der Spaß, dem Vinylhoch sei dank, bei kundenfreundlichen 250,00 EUR. Zu dem Preis erhält man bei Audio Technica einen vollautomatischen Kunststoffdreher, der durchaus in der Lage ist, Menschen mit dem Mythos "Vinyl" zu infizieren. Für rund 150,00 europäische Märchentaler mehr gibt es es einen Pro Ject Debut III, einen Rega P1 oder einen Music Hall 2.x. Im Gegensatz zum Audio Technica handelt es sich bei den drei Genannten um durchaus ernst zu nehmende, aber dafür puristische Brettspieler. Mehr Komfort gibt es gegen Aufpreis. Mit etwas Glück findet man hin und wieder eines dieser Geräte beim beim Händler seines Vertrauens als Inzahlungnahme. Der Vorteil dieser Geräte liegt darin, dass sie geprüft und für gut befunden wurden. In der Regel gibt es auch noch eine Gebrauchtgerätegarantie. Herz was willst Du mehr.


Der Gebrauchtkauf klassischer Plattenspieler aus den 70er oder 80er Jahren von Dual, Thorens oder Micro Seiki wird dagegen immer mehr zum Risko. Gute Geräte zu vernünftigen Preisen werden immer seltener. Hinzu kommt, dass der Zahn der Zeit auch an diesen Geräten nicht spurlos vorüber gegangen ist. In der Regel müssen Kondensatoren getauscht und Lager gefettet werden. Nadel bzw. Tonabnehmer haben ebenfalls ihre beste Zeit hinter sich und müssen meist ersetzt werden. Das Schnäppchen aus dem Internet kann so schnell zu einem Fass ohne Boden werden. Und nicht jeder Thorens oder Dual von damals war / ist ein Topgerät, das es zu erhalten gilt. Dennoch lohnt es sich, bei den Eltern / Großeltern zu fragen, ob diese nicht ihren alten Plattenspieler eingemottet haben und bereit wären, sich von ihm zu trennen. Günstiger geht nicht und zumeist sind das gepflegte Geräte aus dem oberen Segment.


Ansonsten hilft lesen, lesen, lesen. Danach hören, hören, hören und sich insgesamt nicht verrückt machen lassen. Das Ende ist nach oben offen. Sowohl beim Laufwerk als auch beim Arm als auch beim Tonabnehmer. Wichtig ist, sich selbst eine Budget-Obergrenze zu setzen und zu überlegen, welche Musik man mit dem Plattenspieler hören möchte. Klassik oder Jazz haben z. B. höhere Anforderungen an die Feinauflösung als Rock und Pop aus den 80ern.

Eine gute erster Einstige ist übrigens die Seite von Thomas: http://www.kwerl-acoustic.de/

2. Mit was höre ich

Ich besitze insgesamt 3 Plattenspieler. Einen Dual CS 510, einen Dual CS 604 sowie einen IGU Philharmonic PHP 8200. Letzterer ist ein für die Firma allkauf gefertigter riemengetriebener Micro Seiki-Plattenspieler. Micro Seiki war in den 70er und 80er Jahren einer der größten Plattenspielerbauer der Welt und hat unter anderem auch für die deutschen Versandhäuser Neckermann und Quelle oder eben allkauf im Auftrag produziert. Eine Liste namenhafter Micro-Seiki-Kunden gibt es hier: http://www.luckyx02.de/micro-seiki-oem-liste/ Mit etwas Glück kann man hier auch heute noch das ein oder andere Schnäppchen machen.


Bei den guten Dual-Laufwerken ist die Zeit der Schnäppchen mittlerweile so gut wie vorbei. Für meinen riemengetriebenen CS510 habe ich vor knapp 10 Jahren 25 EUR in neuwertigem Zustand bezahlt - inkl. sehr ordentlichem Tonabnehmer. Mittlerweile knacken die Preise guter Exemplare bereits die 100,00 EUR Grenze. Ähnlich verhält es sich beim direkt betriebenen CS 604. Vor ein bis zwei Jahren gab es gute Exemplare noch für 50,00 bis 60,00 EUR. Richtig schlimm ist die Preisentwicklung bei der 7er Reihe. Hier werden zum Teil bis zu 500,00 für gut erhaltene 721er aufgerufen.


Am Arm des PHP8200 ist ein Tenorel T2001ED montiert, am CS 604 ein Ortofon VMS 20EO und am CS510 ein Nagaoka MM 321 BE.  Nichts wirklich wildes oder überteuertes. Alles guter gehobener Durchschnitt, der heute zwar nicht mehr lieferbar ist, aber mal für um die 50,00 EUR als New Old Stock zu bekommen war. Man muss also nicht zwingend 200 bis 500 EUR für ein System ausgeben, um anständig Musik zu hören. Ein Ortofon VM-Red hat zudem vor nicht einmal 10 Jahren gerade einmal die Hälfte dessem gekostet, was derzeit verlangt wird. Zum heutigen Preis eines VM-Red hat man damals fast ein VM-Silver bekommen - und das war und ist ein ziemlich amtliches System.


Der  Dual 604 hat, nachdem er von Thomas aufgearbeitet wurde (Dank, Dank, Dank, immer wieder Dank), den PHP 8200 als Hauptdreher im Dachstudio abgelöst, der PHP steht im Wohnzimmer und der 510er kommt mit zu Treffen und Veranstaltungen. Als Verstärker dient jeweils ein Yamaha DSP A595(a) Dolby Digital Vollverstärker. Ja, Vollverstärker, nicht Receiver! Die Zeiten, in denen das Gerät noch als Geheimtipp gehandelt wurde, sind inzwischen ebenfalls vorbei. Mit etwas Glück bekommt man ein gepflegtes Exemplar noch für knapp unter 100,00 EUR. Aufpassen sollte man beim zweiten "a" hinter der "595". Fehlt dieses, kann das Gerät kein DTS und kommt demnach nicht mit BlueRays zurecht, was aber völlig irrelevant ist, wenn man den 595  - wie ich im Dachstudio - lediglich als Stereo-Amp nutzen will. Klanglich ist das Gerät über jeden Zweifel erhaben und äußerst linear bzw. neutral abgestimmt. Zudem ist eine recht ordentliche Phono-MM Vorstufe verbaut, die allerdings etwas Fingerspitzengefühl bei der Wahl des Tonabnehmers benötigt, da sie mit 330pf nicht gerade kapazitätsarm ist. Rechnet man noch die Kabelkapazität des Plattenspielers hinzu (bei einem Dual rund 150pf), fällt ein Großteil der aktuellen Tonabnehmer weg. Die aktuelle OM- und VM-Serie von Ortofon kann zum Glück aber mit hohen Kapazitäten umgehen. Ein Goldring 2500, dass laut Datenblatt maximal 250pf haben möchte, funktioniert an Olli's A595a übrigens hervorragend. Das von mir verwendete Nagaoka und Tenorel mögen in der Theorie ebenfalls keine hohen Kapazitäten, funktionieren aber trotzdem hervorragend. Hier gilt also "probieren geht über Studieren".


Bzgl. der Lautsprecher wird es etwas kompliziert(er). Der ein oder andere Leser meines Hauptblogs "Gelsen-Pen" wird vielleicht noch wissen, dass ich meine Boxen gerne selber entwickle und baue, statt sie von der Stange zu kaufen. In den 80ern war der Selbstbau von Lautsprechern ein weitläufig verbreitetes Hobby. Heute fristet es eher ein Schattendasein. Dabei war es noch nie so einfach wie jetzt, hochwertige Lautsprecher selbst zu bauen. Im Internet gibt es Bausatzanbieter, Foren und private Entwicklerseiten. Fertig gefrästen Schallwände oder Gehäuse können ebenso im Internet bestellt werden. Manch kommerzieller Anbieter bietet sogar eine fertig aufgebaute Weiche an. Zu Hause muss man die Sachen dann nur noch zusammenstecken und fertig ist der Traumlautsprecher. Anleitungen für das Furnieren oder Lackieren gibt es im ebenfalls Internet.


Ich selbst nutze den "ViMo", einen von mir entwickelten Monitor auf Basis preisgünstiger Visaton-Chassis. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann hier nachlesen: http://www.gelsen-pen.de/2017/02/das-runde-muss-ins-eckige-der-vimo.html Eine sehr gute und ebenfalls preiswerte Alternative ist in meinen Augen die SB18 von SB Acoustic (KLICK bzw. KLICK)oder die Justus von Thomas, die beim diesjährigen Lautsprecher-Selbstbau-Contest sehr gut abgeschnitten hat. Mit Fertigboxen habe ich mich seit den 80er-Jahren nicht mehr beschäftigt, so dass ich mich bei Tipps zurückhalte. Insgesamt gilt aber auch hier: Bloß nicht verrückt machen lassen. Viel lesen und vor allem viel hören hilft auch hier. Gutes muss nicht teuer sein. Verstärker aus den späten 80ern und frühen 90ern sind besser als ihr Ruf und müssen sich vor aktuellem Kram nicht verstecken. Vor allem haben die Geräte aus dieser Zeit zumeist eine sehr gute Phono-Vorstufe mit an Bord, die den aktuellen Geräten meist fehlt. Wenn man mich fragt, empfehle ich gerne die Marken NAD, Rotel oder Cambridge - sowohl die Modelle von damals als auch die von heute - oder eben Yamaha, und hier gerne den AX-397 bzw. a595a.


Mit etwas Glück und Geschick bekommt man, wenn man auf Gebrauchtgeräte und selbstgebaute Boxen setzt, für unter 1.000,00 EUR eine Anlage, mit der man ziemlich lange ziemlich glücklich sein kann. Das ist zwar immer noch ziemlich viel Geld, aber verglichen mit den Preisschildern mancher High End Anlagen ein echtes Schnäppchen.

3. Welcher Whisky

Da ist sie wieder, die Frage nach dem: "Alt oder jung"? Ist Alter wirklich alles? Schauen wir uns z. B. die Brennerei Deanston an: Da gibt es einen 18 jährigen, einen 12 jährigen und mit dem "Virgin Oak" einen NAS-Whisky. Allen gemein ist, dass sie weder gefärbt noch kühlgefiltert sind. Der "Virgin Oak" liegt bei knapp unter 30,00 EUR, der 12 jährige bei knapp 40,00 EUR und der 18 jährige bei rd. 90,00 EUR. Ist der Volljährige aber auch dreimal besser als sein NAS-Bruder oder zweimal so gut wie der 12 jährige?


Ich tue mich da schwer. Der Virgin Oak steht bei mir im Regal und vom 12 und 18 jährigen hatte ich jeweils Proben bzw. Samples. Für mich persönliche war der Unterschied zwischen dem 12 und 18 jährigen nicht so groß, dass er den Aufpreis gerechtfertigt hätte. Dafür ist der 12er einfach zu gut oder meine Geschmacksnerven einfach zu schlecht und untrainiert. Ähnlich geht es mir beim Vergleich des Virgin Oak mit dem 12 jährigen. Auch hier tue ich mich schwer einen merkbaren Vorteil des älteren heraus zu schmecken, was bitte als Kompliment für den Virgin Oak zu verstehen ist, der für mich einer der besten No-Age-Whiskys unter 50 EUR ist. Dennoch bin ich geneigt, mir als nächstes eher den 12 jährigen zu gönnen als nochmals den No-Ager. Der 12 jährige ist einfach noch ein Stück weit runder, wobei ich das Wilde, Ungestüme und Unperfekte des Virgin Oak wirklich mag - nur halt nicht immer.


Ähnlich geht es mir mit Glenfarclas. Mein erster Single Malt überhaupt war der 10 jährige - ein toller Whisky. Dann kam der 12 jährige, der 15 jährige, der 17 jährige sowie die ein oder andere Probe des 18 jährigen. Wiedergekauft werden aber wohl nur noch der 12 jährige und der 18 jährige. Selbst wenn es den 18 jährigen nicht gäbe, würde ich den 15 jährige nicht wieder kaufen, weil der 12er mich einfach dermaßen überzeugt und abholt, dass es für mich schon den 18 jährigen braucht, um den 12er zu übertrumpfen. Bisher konnte auch kein anderer 12 jähriger Sherry-Whisky den Glenfarclas in die Schranken weissen. Weder der Aberlour noch der Bunnahabian, wobei ich letzteren wirklich sehr mag und er in Nuancen weicher und runder als der Glenfarclas ist. Dafür kostet die Flasche, bezogen auf den Literpreis aber auch fast das doppelte.

Die Liste ließe sich sicherlich beliebig fortsetzen. Hinzu kommen Fragen wie"Rauchig oder nicht rauchig?" oder "Sherry- oder Bourbonfass?" Und auch hier hilft wieder lesen und probieren sowie eine freiwillige Selbstbeschränkung. Gutes muss nicht teuer sein! Nur nicht verrückt machen lassen und seinem eigenem Geschmack trauen. Manch lokaler Whisky-Store bietet offene Tastings an, bei denen man sich den ein oder anderen Dram kaufen kann, um ihn zu probieren.


Ich z. B. mag keine rauchigen Whiskys. Geht gar nicht! Selbst ein Ardmore Legacy ist mir zu rauchig, dennoch sollte man ihn probiert haben. Ebenso wie den Talisker 10, den ich wiederum sehr mag, da er eher phenolisch und weniger torfig/rauchig ist. Aber das muss jeder für sich selbst herausfinden. Gute Einsteigerwhiskys sind sicherlich der Glenfarclas 10 und 12 sowie der Dahlwinnie 15 und der Balvenie Doublewood. Zum Glück gibt es von den meisten Whiskys kleine 5 cl Samples, so dass man sich nicht gleich eine große Flasche kaufen muss. Oder man geht zu den bereits erwähnten Tastings.


Meine persönlichen Tipps abseits der üblichen Verdächtigen sind der "Auchentoshan Heartwood" sowie der "Glen Scotia Double Cask". Zwei NAS-Whiskys, die sowohl in Bourbon als auch in Sherryfässern gereift sind. Beide eher mild und rund, ohne dabei flach und langweilig zu sein. Die beiden Aussenseiter haben durchaus Ihren Reiz! Warum nicht mal seine Reise in den Lowlands und Campbeltown beginnen, statt in den Highlands und der Speyside?

Glückauf!